Arbeitslosigkeit

Michael Scherling am 26. September 2016

War­um hat Deutsch­land seit vie­len Jah­ren weni­ger Arbeits­lo­se als Frank­reich?

Einen der Grün­de hat der Öko­nom und Nobel­preis­trä­ger Jean Tiro­le in sei­nem neu­en Buch mit dem Titel „Éco­no­mie du Bien Com­mun” (oder „Wirt­schaft für das All­ge­mein­wohl”) beschrie­ben.

Frank­reichs his­to­risch hohe Arbeits­lo­sen­quo­te ergibt sich nicht aus den ungüns­ti­gen Ein­flüs­sen der glo­ba­len Markt­wirt­schaft – eine weit­ver­brei­te­te und prak­ti­sche Erklä­rung von fran­zö­si­schen Poli­ti­kern –, son­dern eher aus der gesell­schaft­li­chen Ent­schei­dung, einen sehr star­ren Arbeits­markt zu eta­blie­ren. Mit dem Bewusst­sein wei­ter stei­gen­der Arbeits­lo­sen­zah­len beschloss die fran­zö­si­sche Regie­rung, fle­xi­ble befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge und vie­le sub­ven­tio­nier­te Jobs ein­zu­füh­ren, anstatt die extrem star­ren unbe­fris­te­ten Ver­trä­ge fle­xi­bler zu machen. Die Zah­len spre­chen für sich: 2013 waren 85% der neu­en Stel­len Jobs mit befris­te­ten Ver­trä­gen. Dar­über hin­aus bezo­gen sich 77% der gesam­ten Kün­di­gun­gen auf befris­te­te Ver­trä­ge.

In Wirk­lich­keit stellt ein befris­te­ter Ver­trag weder die Arbeit­neh­mer noch die Arbeit­ge­ber zufrie­den. Arbeit­neh­mer haben dadurch kaum Kün­di­gungs­schutz. Arbeit­ge­ber sind nicht dazu geneigt, einen befris­te­ten Ver­trag zu ver­län­gern, da er sich sonst nach fran­zö­si­schem Recht auto­ma­tisch in einen unbe­fris­te­ten Ver­trag ver­wan­delt. Des­halb plä­diert Tiro­le für die Ein­füh­rung von mehr Fle­xi­bi­li­tät bei unbe­fris­te­ten Ver­trä­gen, um fran­zö­si­sche Unter­neh­men dazu zu bewe­gen, mehr Arbeit­neh­mer mit unbe­fris­te­ten Ver­trä­gen ein­zu­stel­len und somit mit „bes­se­ren Jobs” und nicht mit unsi­che­ren, befris­te­ten Ver­trä­gen auf­zu­war­ten.

Das Arbeits­recht Frank­reichs umfasst mit allen Ergän­zun­gen inzwi­schen meh­re­re tau­send Sei­ten und ist von den Unter­neh­men kaum zu admi­nis­trie­ren. Ein Bei­spiel für die Skur­ri­li­tät der Vor­schrif­ten:

Vor Aus­spruch der Kün­di­gung muss der Arbeit­neh­mer zu einem Vor­ge­spräch ein­ge­la­den wer­den, in dem die­ser über die Absicht des Arbeit­ge­bers infor­miert wird, ihn zu kün­di­gen. In die­sem Vor­ge­spräch darf der Arbeit­ge­ber nicht den Ein­druck ver­mit­teln, den Ent­schluss zur Kün­di­gung bereits gefasst zu haben.

Fazit: wenn man es Unter­neh­men schwer macht, Arbeits­kräf­te zu kün­di­gen, stel­len sie erst gar kei­ne ein. Das Arbeits­recht in Frank­reich (genau wie in Spa­ni­en und Ita­li­en) ist Mit­ver­ur­sa­cher der hohen Arbeits­ko­sig­keit.

Ein wirklicher Experte

Michael Scherling am 17. Juni 2016

Ges­tern hat­te ich die für einen Öko­no­men wie mich wun­der­ba­re Gele­gen­heit auf einen wirk­li­chen Exper­ten in Sachen Geld zu tref­fen:

Dr. Phil­ipp Hil­de­brand — er war Prä­si­dent der Schwei­zer Natio­nal­bank bis 2012

Sei­ne Sicht der Din­ge ist auch des­halb so inter­es­sant, weil er nun sehr viel offe­ner spre­chen kann als in sei­ner alten Posi­ti­on. Er hat die Schweiz durch die Finanz­kri­se 2008 gesteu­ert und war für die Ein­füh­rung des Min­dest­kur­ses von 1,2 Fran­ken zum Euro ver­ant­wort­lich.

Hier eini­ge sei­ner Aus­sa­gen:

  • Ohne Ein­grei­fen der Zen­tral­ban­ken wäre die Finanz­kri­se um ein Viel­fa­ches schlim­mer aus­ge­fal­len. Ich ver­mu­te, dass kaum eine Bank über­lebt hät­te und auch die Sicher­heit von Spar­bü­chern gefähr­det gewe­sen wäre. Er mein­te, dass die Men­schen unend­lich dank­bar wären, wenn sie wüss­ten was ohne die Aktio­nen der Noten­ban­ken pas­sie­ren hät­te kön­nen.
  • In den USA gin­gen zwar rund 140 klei­ne Ban­ken in Kon­kurs, alle gro­ße Ban­ken wur­den aber zwangs­wei­se reka­pi­ta­li­siert und ste­hen der­zeit schon wie­der auf sehr star­ken Bei­nen. In Euro­pa trau­ten sich die Poli­ti­ker nicht, sol­che Men­gen an Geld bereit zu stel­len. Aus die­sem Grund ist der Ban­ken­sek­tor immer noch nicht saniert und kann nicht aus­rei­chend Kre­di­te an die Unter­neh­men ver­ge­ben. Das brem­se die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung mas­siv.
  • Span­nen­des zum The­ma Refor­men: Das spa­ni­sche Arbeits­recht stamm­te aus der Zeit der Dik­ta­tur Fran­kos (der es von Mus­so­li­ni über­nom­men hat­te). Es war für die hohe Arbeits­lo­sig­keit ver­ant­wort­lich, weil es unmög­lich war, jeman­den zu ent­las­sen. Die Fol­ge davon: es wur­de gleich gar nie­mand ein­ge­stellt. Nur weil Spa­ni­en durch die Finanz­kri­se zah­lungs­un­fä­hig wur­de und die EU-Part­ner und der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds es ver­lang­ten, kam es zu einer Reform. Seit­her sinkt die Arbeits­lo­sig­keit ohne Unter­bre­chung. Wie schon Albert Ein­stein sag­te: “Es ist die Kri­se selbst, die den Fort­schritt bringt”
  • Dr. Hil­de­brand warnt davor, Ver­gan­gen­heits­ent­wick­lun­gen in die Zukunft zu extra­po­lie­ren. Nur weil es meh­re­re Jah­re mit wenig Wachs­tum und Null­zin­sen gege­ben hat, müss­te das nicht immer so wei­ter­ge­hen. Spe­zi­ell in den USA sieht er 2017/2018 höhe­res Wachs­tum, höhe­re Infla­ti­on und auch höhe­re Zin­sen. Auf mei­ne Fra­ge, wie es in Euro­pa mög­lich sein soll, bei einer sta­gnie­ren­den Bevöl­ke­rung Wachs­tum zu erzeu­gen, mein­te er dass eine stär­ke­re Ein­be­zie­hung von Älte­ren und Frau­en die Erwerbs­be­völ­ke­rung stei­gern könn­te. Refor­men und Inves­ti­tio­nen in Bil­dung ver­stärk­ten die­sen Effekt. Flücht­lin­ge wür­den dabei auf vie­le Jah­re nicht hel­fen.
  • Schreck­lich schaut es aus sei­ner Sicht in Frank­reich aus, das demo­gra­fisch eigent­lich die bes­te Situa­ti­on hät­te (höchs­te Gebur­ten­ra­te). Hier war die Kri­se nicht schlimm genug, um im Sin­ne Ein­steins zu sinn­vol­len Refor­men zu füh­ren. Seit 10 Jah­ren wur­den kei­ne neu­en Arbeits­plät­ze mehr geschaf­fen, weil der über­bor­den­de Staats­sek­tor die Indus­trie fast aus­ge­löscht hat. Und mehr Staats­be­diens­te­te füh­ren nicht zu mehr Wachs­tum oder mehr Wohl­stand, son­dern nur zu mehr Schul­den.
  • Zum Schluss noch ein erfreu­li­cher Punkt: Dr. Hil­de­brand sieht die Kon­junk­tur in Euro­pa auf dem rich­ti­gen Weg und erkennt selbst in Ita­li­en und Frank­reich einen Anstieg der Reform­be­reit­schaft.

Wenn Schulden zu Luft werden

Michael Scherling am 21. April 2016

Ich has­se Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. 9 von 10 erwei­sen sich als falsch und eine wird durch rei­nen Zufall wahr.

Heu­te möch­te ich aber sel­ber eine Pro­gno­se in die Welt set­zen, die von Vie­len als Ver­schwö­rungs­theo­rie abge­tan wer­den wird.

Bekannt ist ja, dass vie­le Staa­ten den “Point of no return” bei der Schul­den­trag­fä­hig­keit über­schrit­ten haben. Kein Öko­nom welt­weit kann erklä­ren, wie die Staats­schul­den jemals zurück­ge­zahlt wer­den sol­len. Die altern­den und teil­wei­se schrump­fen­den Bevöl­ke­run­gen von Län­dern wie Japan, Ita­li­en oder Grie­chen­land kön­nen nie­mals genug Wirt­schafts­wachs­tum gene­rie­ren, um die rie­si­gen Alt­las­ten zu til­gen.

Der Ver­such der Zen­tral­ban­ken, künst­lich Infla­ti­on zu schaf­fen und damit die Schul­den­last zu ver­rin­gern, wird zwar lang­fris­tig zum Erfolg füh­ren (ich wer­de mich bemü­hen, Sie recht­zei­tig vor kom­men­der Geld­ent­wer­tung zu war­nen!), aber auf kur­ze Sicht hat das über­haupt nicht funk­tio­niert.

Nun gibt es die ers­ten Gerüch­te, wie man sich sehr ele­gant von Alt­las­ten zu befrei­en gedenkt. Vor­rei­ter ist wie immer Japan. Rela­tiv unbe­merkt von der Öffent­lich­keit kauft die Zen­tral­bank gleich vie­le Staats­an­lei­hen (=Staats­schul­den) auf wie die Regie­rung jähr­lich neue Anlei­hen aus­gibt. Die Zen­tral­bank finan­ziert also jetzt bereits die Aus­ga­ben des japa­ni­schen Staa­tes, die nicht durch Ein­nah­men gedeckt sind (5,5% der Wirt­schafts­leis­tung jähr­lich).

Der nächs­te Schritt ist aus mei­ner Sicht vor­pro­gram­miert: Schon jetzt ist rund ein Drit­tel der japa­ni­schen Staats­schul­den in Hän­den der Zen­tral­bank. Mög­li­cher­wei­se wird die­ser Teil bereits heu­er für wert­los erklärt (oder umge­wan­delt in Titel mit ewi­ger Lauf­zeit und Zins­satz Null). Ein ele­gan­ter Weg, sich von alten Ver­bind­lich­kei­ten zu tren­nen.

Die Euro­päi­sche Zen­tral­bank folgt die­sem Vor­bild. Es ist also nicht abwe­gig, dass es auch in Euro­pa zu einer sol­chen Lösung kom­men wird.

Der klei­ne Nach­teil dabei: nie­mand kann Ihnen sagen, wel­che Fol­gen die­ser Schritt haben wird. Eine Ver­trau­ens­kri­se in unser Geld­sys­tem ist nicht aus­zu­schlie­ßen.

Eine kla­re Emp­feh­lung kann ich Ihnen aber geben: inves­tie­ren Sie in Real­wer­te, also Immo­bi­li­en, Akti­en und Gold. Lei­der sind Wohn­im­mo­bi­li­en nach dem 50%-Anstieg in Öster­reich schon zu teu­er, ande­re Seg­men­te wir­ken aber noch inter­es­sant.

Bezüg­lich Gold möch­te ich auf mei­nen Jän­ner-Arti­kel ver­wei­sen http://www.deroekonom.at/2016/01/wird-gold-im-jahr-2016-glaenzen/. Die ange­kün­dig­te Preis­stei­ge­rung ist bereits ein­ge­tre­ten.

Für 90% der Öster­rei­cher sind Akti­en nur Spe­ku­la­ti­ons­ob­jek­te. Die­se Sicht trifft nur zu, wenn man ein­zel­ne Titel kauft. Wer aber welt­weit breit gestreut inves­tiert, wird auch in den nächs­ten 10 Jah­ren gute Erträ­ge erwirt­schaf­ten. Denn: so lan­ge es Men­schen gibt, gibt es auch Unter­neh­men. Akti­en­fonds schwan­ken zwar, sind lang­fris­tig aber siche­rer als Spar­bü­cher und Staats­an­lei­hen. Das wird Ihnen die Gene­ra­ti­on der 1930er Jah­re bestä­ti­gen.

Fazit: span­nen­de Zeit kom­men auf uns zu. Berei­ten Sie sich vor!

 

Die falsche Sicht auf China

Michael Scherling am 16. November 2015

Seit ich im Jahr 2003 eine Stu­die mit dem Namen “Ver­gleich der Trans­for­ma­ti­on des Kom­mu­nis­mus in Russ­land und Chi­na” gele­sen habe, beschäf­ti­ge ich mich inten­siv mit dem Mil­li­ar­den­volk und sei­ner Öko­no­mie.

Schon damals war ersicht­lich, dass die Rus­sen ziem­lich alles falsch gemacht hat­ten und die Chi­ne­sen bei­na­he alles rich­tig (öko­no­misch, nicht poli­tisch!).

Den­noch wur­de auch 2003 in den Medi­en nur Nega­ti­ves berich­tet. Grund waren damals die inef­fi­zi­en­ten rie­si­gen Staats­be­trie­be, die mit west­li­chen Fir­men in kei­ner Wei­se mit­hal­ten konn­ten.

Wenn man im Jahr 2015 Zei­tun­gen liest oder im Fern­se­hen Berich­ten lauscht, bekommt man immer noch den Ein­druck, dass alles kurz vor dem Zusam­men­bruch steht und dies­mal wegen der Grö­ße der chi­ne­si­schen Wirt­schaft sogar die gan­ze Welt in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wird.

Tat­säch­lich ist ein Mas­ter­plan erkenn­bar: 3 Jahr­zehn­te lang wur­de eine gewal­ti­ge Export­in­dus­trie auf­ge­baut und eine moder­ne Infra­struk­tur (Stra­ßen, Bah­nen, Kraft­wer­ke etc.) errich­tet. Die­se Ent­wick­lung ist nun zu Ende. Die chi­ne­si­schen Wirt­schafts­len­ker haben das erkannt und set­zen nun auf eine Stär­kung des Inlands­kon­sums, bes­se­ren Umwelt­schutz und Zukunfts­tech­no­lo­gi­en.

Ers­te ener­gie­aut­ar­ke Städ­te sind bereits im Ent­ste­hen, noch beein­dru­cken­der ist aber die Wohl­stands­ent­wick­lung:

+ Die Ein­zel­han­dels­um­sät­ze stie­gen in den letz­ten 12 Mona­ten um 11%(!!!).

+ Die Lohn­er­hö­hun­gen betru­gen in die­sem Zeit­raum je nach Bran­che zwi­schen 5 und 10%.

+ Die Infla­ti­on, die in den 90er Jah­ren ein Pro­blem war, liegt nur noch bei 1,3%.

+ Die Spar­quo­te der Chi­ne­sen ist 40% — in den USA nur 5%.

+ Kre­dit­fi­nan­zier­ter Kon­sum exis­tiert bei­na­he nicht.

+ Die Zen­tral­bank hat jede Men­ge Hand­lungs­spiel­raum (Zins­sen­kun­gen, rie­si­ge Devi­sen­re­ser­ven etc.).

10% Wachs­tum, die es lan­ge Jah­re gege­ben hat­te, sind natür­lich in Zukunft unmög­lich, weil die Wirt­schafts­leis­tung bereits so hoch ist. 4 – 7% wer­den es aber auch in den nächs­ten 5 Jah­ren sein.

2013 und 2014 waren die Zei­tun­gen voll von Berich­ten über “Geis­ter­städ­te in Chi­na” und eine schreck­li­che “Immo­bi­li­en­preis­bla­se”.

Wahr ist, dass die Woh­nungs­prei­se 2014 ein paar Pro­zent­punk­te gesun­ken sind. Inzwi­schen stei­gen sie aber wie­der und die Leer­stän­de gehen zurück — eine ganz nor­ma­le Ent­wick­lung im Wirt­schafts­zy­klus. Es gab kaum kre­dit­fi­nan­zier­te Käu­fe und bei vie­len Mil­lio­nen Men­schen die vom Land in die Städ­te zie­hen, ste­hen Woh­nun­gen nicht sehr lan­ge leer.

Rich­tig ist, dass die Indus­trie kaum wächst und Expor­te und Impor­te sin­ken. Genau das ist aber von der Regie­rung gewollt und bei einem immer noch gewal­ti­gen Wirt­schafts­wachs­tum von 4 – 7% unpro­ble­ma­tisch.

War­um berich­ten unse­re Medi­en also so nega­tiv und falsch über das fern­öst­li­che Land?

1. Kaum ein Jour­na­list ver­steht die öko­no­mi­schen Zusam­men­hän­ge. Eher wird gegen­sei­tig Unsinn abge­schrie­ben.

2. Wie üblich, müs­sen Medi­en 3 Mal mehr Nega­ti­ves berich­ten als Posi­ti­ves, um der mensch­li­chen Psy­che zu ent­spre­chen, die schlech­te Nach­rich­ten drei­mal so stark wahr­nimmt wie gute. Zei­tun­gen wol­len ja ver­kauft wer­den…

Fazit: Die Chi­ne­sen haben Erstaun­li­ches in den letz­ten 40 Jah­ren geleis­tet und vie­les spricht dafür, dass man den fern­öst­li­chen Wirt­schafts­len­kern mehr zutrau­en kann als unse­ren.

 

Sinn und Unsinn von Wirtschaftswachstum

Michael Scherling am 5. Oktober 2015

Wachs­tum ist ein wesent­li­ches Ziel aller moder­nen Öko­no­mi­en. Aber war­um? Ist unser Wohl­stands­ni­veau nicht ohne­hin so hoch, dass wir auch ohne Zuwäch­se aus­kom­men?

Zusätz­lich las­sen sich Nega­tiv­bei­spie­le ohne Ende fin­den: Erd­be­ben erhö­hen das Brut­to­in­lands­pro­dukt wegen der damit ver­bun­de­nen Mehr­aus­ga­ben genau­so wie die Flücht­lings­kri­se. Kon­sum­wahn und Umwelt­zer­stö­rung sind Neben­fol­gen.

Sol­len wir also das Kon­zept des Wachs­tums über Bord wer­fen?

So ein­fach ist es nicht: wir sind näm­lich dar­auf ange­wie­sen. Vie­le unse­rer Sys­te­me funk­tio­nie­ren sonst nicht mehr.

- Wie etwa sol­len Staats­schul­den ohne Stei­ge­rung der Wirt­schafts­kraft zurück­ge­zahlt wer­den?

- Wenn die Gesund­heits­aus­ga­ben jähr­lich um 5% stei­gen — woher soll der Mehr­auf­wand bezahlt wer­den? Wol­len wir auf neue Medi­ka­men­te und Behand­lungs­me­tho­den ver­zich­ten?

Auch hier fin­det man aus­rei­chend Bei­spie­le, um zu ver­ste­hen, dass ohne Wirt­schafts­wachs­tum kei­ne moder­ne Öko­no­mie funk­ti­ons­fä­hig bleibt.

Rela­tiv ein­fach ist eine Unter­schei­dung zwi­schen gutem und schlech­tem Wachs­tum. Die gute Vari­an­te basiert auf 2 Grund­la­gen:

1. Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wachs: Men­schen sind erfreu­li­cher­wei­se dau­er­haft in der Lage, Din­ge schnel­ler und bes­ser her­zu­stel­len. Moder­ne Com­pu­ter sind nicht nur leis­tungs­fä­hi­ger als frü­her, son­dern auch bil­li­ger und wer­den schnel­ler zusam­men­ge­schraubt. Neue Erfin­dun­gen und Ver­bes­se­run­gen erhö­hen das Wirt­schafts­wachs­tum und för­dern den Wohl­stand. Unrecht hat­te der Öko­nom Tho­mas Mal­thus zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts: er war über­zeugt, dass die Men­schen dau­er­haf­ten Hun­gers­nö­ten aus­ge­setzt sein wer­den, weil die Mensch­heit wächst, wäh­rend das ver­füg­ba­re Acker­land nicht ver­mehr­bar ist. Er hat­te aber auf den Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wachs in der Land­wirt­schaft ver­ges­sen.

2. Stei­ge­rung der Welt­be­völ­ke­rung: solan­ge die Anzahl an Men­schen zunimmt, kann auch mehr pro­du­ziert und ver­kauft wer­den. Es gibt zwar vie­le nega­ti­ve Effek­te der Über­be­völ­ke­rung, sie ist aber ein wesent­li­cher Trei­ber für Wirt­schafts­wachs­tum.

Die schlech­ten Vari­an­ten ken­nen wir lei­der auch:

1. Krieg: Die höchs­ten Zuwachs­ra­ten hat­ten wir nach dem 2. Welt­krieg — kein Wun­der, wenn alles zer­stört ist, kann man leicht wach­sen.

2. Schul­den: Lei­der ist es auch mög­lich, kurz­fris­ti­ges Wachs­tum durch höhe­re Ver­schul­dung zu gene­rie­ren. Dum­mer­wei­se haben wir die­ses Instru­ment schon so stark aus­ge­nutzt, daß die hohen Alt­schul­den wegen der damit ver­bun­de­nen Zins­zah­lun­gen inzwi­schen eine Wachs­tums­brem­se dar­stel­len, weil Geld für sinn­vol­le Inves­ti­tio­nen fehlt.

Trotz­dem gilt, dass vor allem durch den Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wachs mehr Wohl­stand ent­steht, der auch dazu genutzt wer­den kann, die nega­ti­ven Neben­ef­fek­te wie Umwelt­be­las­tung abzu­mil­dern oder z.B. weni­ger oder gemein­nut­zig zu arbei­ten.

Fazit: Ohne Wirt­schafts­wachs­tum geht es nicht. Es führt kei­nes­wegs auto­ma­tisch zu Kon­sum­wahn und Umwelt­zer­stö­rung und soll­te nicht auf Schul­den basie­ren. Dann ist es sinn­voll, nach­hal­tig und erhöht unse­ren Wohl­stand.

 

Wie geht es Europa?

Michael Scherling am 2. Juni 2015

Abseits von den übli­chen Nach­rich­ten aus den Medi­en, die sich umso bes­ser ver­kau­fen je extre­me­re Mel­dun­gen sie ver­öf­fent­li­chen, möch­te ich ein paar Facts zur öko­no­mi­schen Situa­ti­on in Euro­pa zusam­men­fas­sen:

+ seit 2013 sin­ken die Arbeits­lo­sen­ra­ten in Spa­ni­en und Grie­chen­land

+ Das Kon­junk­tur­kli­ma in Spa­ni­en ist so gut wie seit 2007 nicht mehr

+ Die KFZ-Neu­zu­las­sun­gen stei­gen euro­pa­weit seit 2 Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich

+ Die Kre­dit­ver­ga­be­stan­dards der Ban­ken wer­den locke­rer (erst­mals seit 2007!)

+ Die Ein­zel­han­dels­um­sät­ze stei­gen so stark wie seit 10 Jah­ren nicht mehr

+ Immo­bi­li­en- und Unter­neh­mens­kre­di­te wer­den wie­der ver­stärkt nach­ge­fragt

+ Es gibt kaum Infla­ti­on, aber auch Defla­ti­on ist nicht in Sicht

+ Das Ver­brau­cher­ver­trau­en ist auf 10-Jah­res-Höchst­stand

Selbst­ver­ständ­lich gibt es noch genü­gend Bau­stel­len im Euro­raum, aber gera­de 2015 schaut aus heu­ti­ger Sicht öko­no­misch erfreu­lich aus. Selbst Ereig­nis­se wie ein mög­li­cher Grie­chen­land-Aus­tritt soll­ten nur kurz­fris­ti­ge Wel­len schla­gen. Genie­ßen wir also die Erho­lung — in den nächs­ten Jah­ren kom­men genü­gend Her­aus­for­de­run­gen auf uns zu.

Fazit: Die erfreu­li­che Kom­bi­na­ti­on von tie­fem Ölpreis, nied­ri­gem Euro und Null­zins­po­li­tik der Zen­tral­bank zeigt Wir­kung. Hof­fen wir, dass auch 2016 etwas davon übrig­bleibt.

Arbeit muss sich wieder lohnen!

Michael Scherling am 8. April 2015

Wir haben der­zeit in Öster­reich und Deutsch­land die skur­ri­le Situa­ti­on, dass sich der Staat gra­tis Geld aus­bor­gen kann. Wer­den z.B. Anlei­hen auf 3 oder 5 Jah­re aus­ge­ge­ben, zah­len bei­de Län­der kei­ne Zin­sen dafür.

Durch das dau­er­haft tie­fe Zins­ni­veau sinkt auch die Belas­tung durch die Alt­schul­den. Deutsch­land etwa muss­te 2009 14,5% des Bud­gets für Zins­zah­lun­gen auf­wen­den. Trotz gestie­ge­nem Schul­den­stand waren es 2014 nur noch 9,6% und 2020 rech­net man mit nur 5%.

Die Bud­gets wer­den also durch die Poli­tik der Euro­päi­schen Zen­tral­bank (Tief­zin­sen) deut­lich ent­las­tet. Die mit Abstand bes­te Art, das frei­wer­den­de Geld öko­no­misch sinn­voll ein­zu­set­zen, ist eine mas­si­ve Steu­er­sen­kung!

Lei­der geht die Ten­denz genau in die ande­re Rich­tung: die aktu­el­le klei­ne Ent­las­tung wird durch “Gegen­fi­nan­zie­rungs­maß­nah­men” in Form von neu­en Belas­tun­gen kon­ter­ka­riert und in weni­gen Jah­ren ohne­hin durch die “kal­te Pro­gres­si­on” wie­der auf­ge­fres­sen.

Seit Jah­ren wer­den wir durch mas­si­ve Steu­er- und Gebüh­ren­er­hö­hun­gen genervt. Auch in Berei­chen wo es kom­plett unsin­nig ist: etwa bei der Sekt­steu­er. Seit der ver­stärk­ten Steu­er­be­las­tung ist der Sekt­kon­sum so zurück­ge­gan­gen, dass es kei­ne Mehr­ein­nah­men gibt. Die­ser Effekt ist auch wis­sen­schaft­lich belegt (Laf­fer-Cur­ve).

Glei­ches gilt für Ein­kom­mens­steu­ern: als in Frank­reich der Steu­er­satz auf 75% erhöht wur­de, wan­der­ten die Rei­chen ein­fach aus und die Steu­er­leis­tung stieg nicht.

Ver­mö­gens- und Erb­schafts­steu­ern kann man aus Gerech­tig­keits­grün­den durch­aus recht­fer­ti­gen, aber rele­van­te Ein­nah­men brin­gen sie nicht und sie ver­scheu­chen Leis­tungs­trä­ger und Wohl­ha­ben­de aus Öster­reich.

Also: nut­zen wir die Nied­rig­zin­sen und sen­ken die Lohn- und Ein­kom­mens­steu­ern mas­siv! Dadurch ent­steht in den ers­ten 3 Jah­ren ein Defi­zit, das aber völ­lig egal ist, weil der Staat ja gra­tis Geld auf­neh­men kann. In 3 – 5 Jah­ren kommt das Geld von selbst wie­der her­ein, denn:

+ Die star­ken Geburts­jahr­gän­ge gehen bald in Pen­si­on (im Schnitt mit Alter 58!!!). Neben dem Ver­lust an Erfah­rung und Know How zeich­net sich ein Fach­ar­bei­ter­man­gel ab. Eine star­ke Steu­er­sen­kung wür­de vie­le moti­vie­ren, län­ger im Beruf zu blei­ben, weil es sich wie­der lohnt.

+ Die Beschäf­ti­gung steigt gene­rell, weil mehr Men­schen moti­viert sind, zu arbei­ten, statt von staat­li­cher Unter­stüt­zung zu leben.

+ Schwarz­ar­beit wird unin­ter­es­san­ter. Wenn aber mehr Men­schen offi­zi­ell arbei­ten, stei­gen auch die Steu­er­ein­nah­men.

+ Das Wirt­schafts­wachs­tum zieht an und damit auch das Steu­er­auf­kom­men.

+ Mehr Net­to­ein­nah­men bedeu­tet mehr Kon­sum. Das hilft nicht nur der öster­rei­chi­schen Wirt­schaft (die dann auch wie­der mehr Steu­ern zahlt, wenn sie mehr ver­kau­fen kann), son­dern auch die süd­li­chen Euro­län­der kön­nen mehr in unser Land expor­tie­ren, womit auch die dor­ti­ge Wirt­schaft wächst.

+ Wer­den nur die bes­ten 50 der vom Rech­nungs­hof vor­ge­leg­ten Ein­spa­rungs­maß­nah­men umge­setzt, ist in 3 – 5 Jah­ren trotz einer mas­si­ven Steu­er­sen­kung ein posi­ti­ver Gesamt­ef­fekt sicher!

Fazit: Die obi­gen Zusam­men­hän­ge sind wis­sen­schaft­lich bewie­sen und in vie­len Län­dern erprobt. Sehr selt­sam, dass spe­zi­ell im deutsch­spra­chi­gen Raum nie­mand auf die Idee kommt, sie umzu­set­zen.

 

Kommt jetzt doch die Rezession?

Michael Scherling am 5. November 2014

Kaum hat­ten wir uns an eine Art von wirt­schaft­li­cher “Nor­ma­li­sie­rung” im ers­ten Halb­jahr die­ses Jah­res gewöhnt, sind die Medi­en-Schlag­zei­len schon wie­der voll von Befürch­tun­gen zu Rezes­si­on, Defla­ti­on und Kri­sen ganz gene­rell.

Was ist davon zu hal­ten?

Nun, wahr ist natür­lich dass in vie­len Berei­chen nichts wei­ter­ge­gan­gen ist: Die fran­zö­si­schen Poli­ti­ker häu­fen wei­ter Schul­den an und refor­mie­ren nicht, die deut­schen freu­en sich, dass die Ren­te mit 63 (statt 67) bei den kurz­sich­ti­gen Wäh­lern so gut ankommt (obwohl bereits Fach­kräf­te feh­len und die Deut­schen die schlech­tes­ten demo­gra­fi­schen Vor­aus­set­zun­gen Euro­pas haben)  und in Öster­reich wur­de wie­der ein­mal fest­ge­stellt dass ein Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem mit 22 unter­schied­li­chen Vari­an­ten ide­al ist (die Herr­schaf­ten soll­te ein­mal jemand fra­gen ob sie bei Neu­ein­füh­rung einer Sozi­al­ver­si­che­rung auch 22 For­men schaf­fen wür­den).

Eini­ge öko­no­mi­sche Daten zeu­gen zusätz­lich von einer rück­läu­fi­gen Dyna­mik (Ein­kaufs­ma­na­ger­index etc.). Man­che Bör­sen haben 10 – 15% ver­lo­ren (der Gross­teil ist aller­dings schon wie­der auf­ge­holt).

Über­se­hen wird dabei Fol­gen­des:

1. Medi­en leben von Nega­tiv­schlag­zei­len (Nega­ti­ves wird ja von unse­rem Hirn 3 mal so stark wahr­ge­nom­men wie Posi­ti­ves). Über­trei­bun­gen sind also sys­tem­be­dingt.

2. Der Ölpreis ist um rund 25% gesun­ken

3. Die Zin­sen sind wei­ter rekord­tief

Span­nend ist die his­to­ri­sche Betrach­tung der letz­ten bei­den Punk­te: Rezes­sio­nen wur­den in der Ver­gan­gen­heit so gut wie immer ent­we­der von stei­gen­den Zin­sen (zur Infla­ti­ons­be­kämp­fung von den Zen­tral­ban­ken gewollt) oder durch stark stei­gen­de Ölpreise/Rohstoffpreise aus­ge­löst (2008: Ölpreis 140$ im Ver­gleich zu 80$ der­zeit).

Wir haben im Moment eine Kom­bi­na­ti­on von Nied­rigst-Zin­sen und sehr tie­fen Roh­stoff­prei­sen. Die­se Kon­stel­la­ti­on macht einen wirk­li­chen Wirt­schafts­ein­bruch fast unmög­lich.

Fazit: Genie­ßen Sie den Herbst und fürch­ten Sie sich nicht vor einer Rezes­si­on!

 

 

Die wirtschaftliche Erholung der USA

Michael Scherling am 12. August 2014

Kre­dit­kri­sen dau­ern ja im Schnitt 7 Jah­re, sind vie­le Staa­ten betei­ligt, kann man eher von 10 Jah­ren aus­ge­hen.

Bald kom­men wir ins 7.Jahr — wie steht es nun beim Aus­lö­ser der Tur­bu­len­zen, den USA?

+ Die Arbeits­lo­sen­quo­te ist von 10% auf 6% gefal­len. Klingt gut, ist aber nur ein Teil­erfolg, weil vie­le Arbeit­neh­mer die Suche auf­ge­ge­ben oder sich in Pen­si­on ver­ab­schie­det haben.

+ Die Immo­bi­li­en­prei­se haben sich vom Tief­punkt erholt und ent­wi­ckeln sich sta­bil.

+ Das Wirt­schafts­wachs­tum ist nicht berau­schend, aber posi­tiv.

+ Die Infla­ti­on ist (noch) unter Kon­trol­le

Wie geht es wei­ter, kommt schon die nächs­te Kri­se?

Nein, denn der Ablauf nach Beginn eines wirt­schaft­li­chen Schocks ist so:

1. Die Kon­su­men­ten ver­rin­gern ihre Schul­den. 2008 bis 2012 pas­sier­te genau das. Nun kau­fen die Ame­ri­ka­ner wie­der mehr. Stei­gen­de Ver­mö­gens­prei­se (Akti­en, Anlei­hen und Immo­bi­li­en sind ja wesent­lich mehr wert als 2009) sor­gen für höhe­ren Kon­sum. Öko­no­mi­sche Schät­zun­gen (z.B. Prof. Feld­stein) gehen davon aus, dass pro 100 Dol­lar an höhe­rem Ver­mö­gen 4 Dol­lar mehr kon­su­miert wer­den. Allei­ne das führt 3 Jah­re lang zu einem um jeweils 1% höhe­rem Wirt­schafts­wachs­tum.

2. Die Unter­neh­men spa­ren: einer­seits durch Ent­las­sung von Mit­ar­bei­tern, ande­rer­seits durch Stopp von Inves­ti­tio­nen. Seit 2 Jah­ren wer­den wie­der neue Stel­len geschaf­fen, die­ses Pro­blem ist also gelöst. Mehr Beschäf­tig­te sor­gen durch ihr Ein­kom­men für mehr Kon­sum und Wachs­tum.

Aber: Noch hor­ten die Fir­men Mil­li­ar­den­sum­men und inves­tie­ren nicht. Die Aus­sich­ten sind ihnen noch nicht sta­bil genug. Das hat aber auto­ma­tisch ein Ende: Einer­seits steigt die Kapa­zi­täts­aus­las­tung, man­che Fir­men kämp­fen schon mit Eng­päs­sen bei der Pro­duk­ti­on und wer­den neue Maschi­nen anschaf­fen müs­sen. Ande­rer­seits ist das Alter der bestehen­den Anla­gen so hoch wie noch (fast) nie. Irgend­wann wird jeder Com­pu­ter und jede Indus­trie­an­la­ge kaputt und muss ersetzt wer­den. Neu­an­schaf­fun­gen geben der Gesamt­wirt­schaft einen star­ken Schub.

Ein guter vor­aus­ei­len­der Indi­ka­tor sind die stei­gen­den Last­wa­gen­ver­käu­fe: Beim Bau einer neu­en Pro­duk­ti­ons­stät­te zögern Unter­neh­men viel län­ger als bei einem LKW-Kauf.  Der his­to­ri­sche Ver­lauf zeigt, dass mit zeit­li­cher Ver­zö­ge­rung auch die teu­re­ren Inves­ti­tio­nen fol­gen.

Fazit: Die USA sind schon weit fort­ge­schrit­ten in der wirt­schaft­li­chen Erho­lung. Unter­bre­chun­gen durch kurz­fris­tig Schocks (Ukrai­ne, Irak, Schnee­stür­me im Jänner/Februar) wird es aber immer wie­der geben. In Euro­pa dau­ert alles län­ger: Über­schul­de­te Bür­ger in den USA kön­nen oft schon nach einem Jahr neu begin­nen, in Spa­ni­en müs­sen sie ein Leben lang für die Alt­schul­den gera­de­ste­hen, im Rest Euro­pas meh­re­re Jah­re. Sol­che Rege­lun­gen erschwe­ren die wirt­schaft­li­che Erho­lung in Euro­pa.

Aber: Die Last­wa­gen­ver­käu­fe neh­men auch bei uns zu .…

Ist die Krise vorbei?

Michael Scherling am 17. Juni 2014

Hier gleich die über­ra­schen­de Ant­wort:

JA!

Finanz­kri­se und Euro­kri­se sind in ihren aku­ten Aus­prä­gun­gen vor­bei. Hier ein paar Bei­spie­le und Grün­de für mei­ne Ein­schät­zung:

+ In Por­tu­gal sinkt die Arbeits­lo­sig­keit

+ In Eng­land sind die Immo­bi­li­en­prei­se über dem alten Rekord­stand von 2007

+ Die Ban­ken in den USA sind saniert

+ Spa­ni­en hat gro­ße Refor­men umge­setzt

+ Meh­re­re Bör­sen sind auf All­zeit­hoch (USA, Deutsch­land, …)

+ Die Zin­sen für die Staats­schul­den der Euro-Süd­län­der sind tie­fer als die der USA und auch nied­ri­ger als vor der Finanz­kri­se

+ Die Euro­päi­sche Zen­tral­bank garan­tiert den Euro-Erhalt und hat durch das Geld-Mono­pol auch für vie­le Jah­re die Mög­lich­keit dazu

Ist also alles in Ord­nung? Der­zeit scheint es so, aber in eini­gen Jah­ren wer­den fol­gen­de Ent­wick­lun­gen Aus­lö­ser neu­er Tur­bu­len­zen sein:

- Die Staats­schul­den sind in vie­len Län­dern auf einem Niveau, auf dem die Rück­zahl­bar­keit ange­zwei­felt wer­den muss. Das allei­ne führt zu kei­ner Kri­se in den nächs­ten 5 Jah­ren. Nur in Japan ist mit 250% Staats­ver­schul­dung eine Schul­den­strei­chung wahr­schein­lich.

- Frank­reich ist reform­un­fä­hig und wird von Poli­ti­kern und Gewerk­schaf­tern an die Wand gefah­ren. Falls die durch die Euro­päi­sche Zen­tral­bank erkauf­te Zeit auch in den nächs­ten 5 – 10 Jah­ren nicht für Sys­tem­ver­bes­se­run­gen genutzt wird, kann der Euro auf Dau­er nicht wei­ter­be­stehen.

- Ein zwei­ter Schul­den­schnitt in Grie­chen­land ist uner­läss­lich. Ich glau­be aller­dings nicht, dass das zu einer Rie­sen-Kri­se führt. Bereits erwar­te­te Kata­stro­phen blei­ben meis­tens aus oder haben kaum Aus­wir­kun­gen.

- Vie­le euro­päi­sche Ban­ken sind Zom­bies. Ohne Unter­stüt­zung durch die Staa­ten und die Zen­tral­bank wären eini­ge nicht über­le­bens­fä­hig. Eine gesun­de Markt­be­rei­ni­gung wur­de ver­hin­dert, weil man Kon­kur­se nicht tole­rier­te (im Gegen­satz zu den USA). Dadurch erfül­len die Ban­ken nicht ihren Zweck der Dar­le­hens­ver­ga­be an Unter­neh­men. Die Zen­tral­bank kann Bank­zu­sam­men­brü­che aller­dings sehr lan­ge ver­hin­dern.
Die alte Pro­ble­me wie zu wenig Eigen­ka­pi­tal, Inter­es­sens­kon­flik­te und fal­sche Anrei­ze sowie Macht­miss­brauch sind nicht besei­tigt und kön­nen unser Finanz­sys­tem gefähr­den.

Fazit: Spe­zi­ell für Öster­reich und Deutsch­land ste­hen sta­bi­le Zei­ten bevor. Die öko­no­mi­schen Daten sind brauch­bar und die dau­er­haft nied­ri­gen Zin­sen sor­gen für Wachs­tums­im­pul­se. Aber klar ist: die nächs­te von außen kom­men­de Kri­se ist nur auf­ge­scho­ben, aber sie kommt!